Peter Nettesheim – 2017

Peter Nettesheim



Peter Nettesheim:
„Meine Holzfiguren entstehen ausgehend von einem vorgefundenen Materialstück, meistens im direkten Zugriff und mit Blick auf die Eigenart des Herstellungsprozesses. Ohne Sockel und in Lebensgröße verbindet sich im Erscheinungsbild der Arbeiten ihr Objektcharakter mit ihrer inhaltlichen Funktion zur Darstellung erlebter und erdachter Wirklichkeit.“
Studium der Bildhauerei an der Kunstakademie Düsseldorf bei Karl Bobek, ehemals Lehrauftrag an der Kunstakademie Düsseldorf, bis 2005 Dozent an der Universität Siegen, Förderpreis des Kulturkreises im BDI und zum Großen Kunstpreis Berlin

Philipp Reichling, O.Praem.: Bewegte Ruhe, Gedanken über die Holzfiguren von Peter Nettesheim
Im Zeitalter der bewegten Bilder und der computeranimierten Cyberwelt mit virtuellen, dreidimensionalen, menschlichen Figuren überraschen die menschengroßen und teilweise kolorierten Holzfiguren von Peter Nettesheim in mehrfacher Hinsicht. Nicht virtuell, sondern real stehen dem Betrachter massive, grob bearbeitete Skulpturen gegenüber, die er nicht auf den ersten flüchtigen Blick als solche identifiziert – als ob da Menschen ganz zufällig ihrem Alltagsgeschäft nachgehen, so scheint es – mit einem Handy in der Hand, mit Schutzbrille und Kettensäge, einem Kind auf dem Arm und vielem anderem mehr. Erst ein weiterer vergewissernder Blick klärt auf, dass es nicht Wesen aus Fleisch und Blut sind, die da posieren, sondern Artefakte, Holzfiguren aus Robinienholz, Pappelholz oder anderen Hölzern.
Sind es erstarrte Formen, die dem Leben abgeschaut sind, wie man es von der Momentfotographie her kennt, zufällig, fast willkürlich eingefangen, als ob man der Schnelllebigkeit zum Trotz “die Entdeckung der Langsamkeit” entgegenstellen wollte, um den Titel des Bestsellers von Sten Nadolny aufzugreifen? Oder wird hier umgekehrt der Weg aus der Erstarrung in die Bewegung beschritten, wie es einst der elfenbeinernen Figur des Pygmalion vergönnt war, der sich enttäuscht von den Frauen abgewandt hatte und sich ein Idealbild einer Frau schuf, das an Schönheit nicht zu übertreffen war? Ovid schreibt in seinen Metamorphosen, dass der Bildhauer Pygmalion sich in sein eigenes Werk verliebt habe, es zärtlich umarmte und küsste und mit Kleidern und Schmuck zierte und sich nichts sehnlichster wünschte, als ein entsprechendes lebendes Abbild seiner Schöpfung zu finden. Die Göttin Venus, der Pygmalion beim Opfer an ihrem Fest seinen Wunsch vorgetragen hatte, erhörte die Bitte des Bildhauers und erweckte die Skulptur zum Leben, so dass die entflammte Liebe ihre Erfüllung fand.
Die Holzfiguren ruhen in sich und stehen an einem festen Ort, von dem sie aus eigener Kraft nicht weggehen können. Selbst in sich sind die Holzfiguren in Zusammenhänge eingebunden, die sie eben als Holzfiguren gerade nicht ausführen können, wie Radfahren, Telefonieren, eine Sackkarre bewegen oder Inline skaten. Wieder ist es der Betrachter, der die Bedeutung erschließen muss und zwar im Gegenüber zur unbewegten Figur, die nur die Möglichkeit einer Tätigkeit in sich abbildet. Nur theoretisch kann die Figur das, was sie vorgibt zu tun. Der Betrachter allerdings könnte es praktisch, hat er doch die Möglichkeiten, die die Figuren nur durch ihre Attribute und Körperhaltungen abbilden. Doch in einem könnten sich beide, Holzfiguren und Betrachter, entsprechen, im Moment der bewegten Ruhe.